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Vor einigen Jahren stand im Main-Echo folgende Episode. Ein älteres Ehepaar besuchte im Urlaub, den es hier in unserer Region verbrachte, den Friedhof in Bürgstadt. Es wollte das Navigationsgerät nicht im Auto lassen und so steckte der Mann das Gerät kurzerhand in die Tasche. Auf dem Friedhof dann meldete sich eine freundliche Stimme: „Sie haben ihr Ziel erreicht.!“

Haben wir wirklich unser Ziel erreicht? Bleibt zum Schluss nur das Grab? Stehen wir hier an dem Ort, der uns am Ende zugewiesen wird.

„Zu was werden wir, die wir leben, nach unserem Tod.“ Das ist die Frage die wir uns alle stellen. Was passiert nach unserem Tod mit uns? Und was passiert mit unseren Toten? Solange es Menschen gibt, gibt es diese Frage. Jede Religion glaubt an ein Weiterleben nach dem Tod in irgendeiner Form. Das Christentum wagt sich bei dieser Frage am weitesten vor. Es ist der Glaube an ein  Weiterleben nach dem Tod. Der Glaube an eine personale Auferstehung bei dem alles was unser Leben ausmacht verwandelt wird und unser Leben aufgehoben ist bei Gott. Das Schicksal Jesu – Tod und Auferstehung – ist auch unser Schickal. Diese Botschaft ist die Mitte unseres Glaubens. Keine Religion ist dabei konkreter oder hoffnungsvoller. Und dennoch. Umfragen dokumentieren, dass gerade 54 % der Christen in Deutschland an die Auferstehung der Toten glauben. „Zu was werden wir, die wir leben, nach unserem Tod.“ Ist der Ort an dem wir stehen Endstation oder Tür zum Leben.

Wenn ich bei einer Fahrt, im Urlaub, eine Kirche anschaue, dann werfe ich auch gern, so wie das ältere Ehepaar aus Bürgstadt,  noch einen Blick auf den Friedhof (soweit er noch bei der Kirche ist), wandere durch die Grabreihen, lese, schaue. Ich mache das immer wieder, denn wenn man über einen Friedhof geht, kann man manches erfahren. Die Gräber, die Grabsteine, sie erzählen uns Geschichten.

Es sind Geschichten vom Leben und Geschichten vom Tod. Da sind die vielen, die ein langes Leben gelebt haben, die 70,80,90 und noch mehr Jahre erreicht haben, die alt und lebenssatt gestorben sind.

Nur wenige Daten stehen auf dem Grabstein: ein Name, ein Geburts- und Sterbedatum, oft nur eine Jahreszahl, selten nur auf unseren Friedhöfen eine Berufsbezeichnung. (Tirol: Titel, Beruf, Unglücksfall und Ort, Bild). Die knappen Angaben sagen wenig bzw. gar nichts über das, was diese lange Lebenszeit geprägt und bewegt hat. Der Glückliche liegt neben dem Erfolglosen, der Nachbar neben dem Fremden, der Einsame neben jemandem aus der Großfamilie. Lebensläufe und Lebensgeschichten unterschiedlichster Art sind zurückgeführt auf die nackten Eckdaten von Geburt und Tod. Jeder hat sein eigenes Leben gelebt, jeder ist seinen eigenen Tod gestorben. Der Tod ebnet viele Unterschiede ein.

Und dann stößt man dazwischen auf die Gräber derer, denen kein langes Leben geschenkt war. Da sind es plötzlich nur 30, 50 oder 60 Jahre eines Lebens; und man kann erahnen, welches Schicksal sich dahinter verbirgt, wenn einer mitten aus dem Berufsleben herausgerissen wurde, wenn einer nach langen Berufsjahren keinen ruhigen lebensaben mehr genießen durfte, wenn einer noch jungen Familie die Mutter oder der Vater weggestorben ist. Die Grabsteine nennen nur Zahlen, sie sagen nichts, ob Krankheit oder Unfall die Todesursache waren, sie berichten nicht vom Schicksal derer, die viel zu früh ihre Lieben verloren haben.

Und schließlich findet man dann auch den Namen eines jungen Menschen, der eigentlich das ganze Leben noch vor sich hatte; oder gar der Name eines Kindes, das - kaum geboren – schon wieder Abschied von der Welt nehmen musste. Und man kann hinter den dürren Zahlen den großen Schmerz und die Tiefe der Trauer der Eltern mitempfinden, die eine Hoffnung begraben mussten.

Die Gräber können uns Geschichten erzählen vom Leben und vom Tod. Sie können uns aber auch darüber erzählen, wie wir Menschen den Tod verstehen, was uns bewegt und welche Hoffnungen wir im Angesicht des Todes haben. Vor allem die Zeichen und Symbole auf den Grabensteinen können vieles zum Ausdruck bringen. Es sind Zeichen des Lebens, die wir da sehen. Blumen, eine Rose, Ähren, Weintrauben. Und es sind zugleich Bilder, die uns aus der Heiligen Schrift vertraut sind. „Seht die Lilien auf dem Feld“, „Ich bin der Weinstock“, „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt...“

Und es sind Symbole des Vertrauens und unseres Glaubens. Hände, die sich zum Gebet falten. Christus das Licht der Welt im Symbol der Kerze oder der aufgehenden Sonne. Bilder des auferstandenen Christus.

Wir haben unser endgültiges Ziel hier noch nicht erreicht. Die Gräber sind nicht Endstation sondern Durchgang. Tür zum Leben. Mit dieser Hoffnung stehen wir heute hier.

Wenn wir uns als Gemeinde auf dem Friedhof versammeln, zeigt sich damit, dass wir unsere Toten nicht abgeschrieben haben. Wir haben sie nicht einfach vergessen. Das Gedenken an sie und die Gemeinschaft mit ihnen ist uns wichtig.

Wichtiger aber noch als das, was im Tod weg fällt, ist das, was bleibt. Unser Glaube lebt von der festen Überzeugung: Jeder Mensch ist einmalig, unverwechselbar. In seiner Rolle ist jeder ersetzbar, aber nicht als Mensch in seiner Einmaligkeit. Für jeden einzelnen gilt: Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Nur weil das so ist, ist der Friedhof keine Mülldeponie. Er ist Ausdruck der Ehrfurcht vor der unverwechselbaren Einmaligkeit eines jeden Menschen.

Die Gräber sind nicht Endstation! Sie sind Zeichen der Hoffnung über den Tod hinaus. Und der Gekreuzigte, der den Tod besiegt hat ist das sichtbare Zeichen unserer Hoffnung.

PastRef Holger Oberle-Wiesli

 

 

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